Im allgemeinen gilt Goethe fur den deutschen Sprachraum nach wie vor als der Begrunder einer deutschen Novellistik, obwohl vermehrt darauf hingewiesen wird, da es bereits vor ihm Erzahltexte gab, die als Novellen eingestuft werden konnen. Was theoretisch nicht reflektiert oder zumindest nicht als Phanomen erkannt wurde, wird suggeriert, gab es im deutschsprachigen Raum nicht. Diese Arbeit zeigt, da in der groen Lucke zwischen 1353, dem Jahr, in dem Boccaccio sein Decameron und damit die erste groe nachantike europaische Novellensammlung vollendete, und 1795, dem Erscheinungsjahr von Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, in der Tat produktive Auseinandersetzungen mit der novellistischen Art des Erzahlens nach dem italienischen Muster entstanden. Untersucht und analysiert werden deutschsprachige Transpositionsformen italienischer Novellistik. Die narratologischen Analysen von Texten des 15. und 16. Jahrhunderts machen deutlich, da die Gattung Novelle nicht uber genaue Textmerkmale bestimmbar, sondern mit einer bestimmten Erzahlweise verknupft ist. Damit wird in dieser Abhandlung der Versuch unternommen, eine Textsorte als spezifische, in Diskurse eingebundene Kommunikationsform wahrzunehmen.