Die politischen Einmischungen sind, jedenfalls wenn man Bourdieu glaubt, logische Konsequenz seiner theoretischen Arbeit, die vor vierzig Jahren mit ethnografischen Studien über die Kabylen in Nordafrika ihren Anfang nahm. In diesen Studien ist bereits angelegt, was den erfolgreichen Soziologen Bourdieu wie den publikumswirksamen Neoliberalismuskritiker ausmacht: Zum einen die empirische Methode, das genaue Hinschauen und vor allem Befragen - nach persönlichen Träumen, Wünschen, Nöten (das nur ganzen Forschergruppen möglich ist, und auch diese Arbeit ist aus einer Gruppenarbeit hervorgegangen). Zum anderen aber der moralische Impetus, die Verlierer des Kapitalismus zu Wort kommen zu lassen - was aber heißt, als Forscher die Stimme für sie zu ergreifen. Denn sie selbst können sich ja keinen Reim auf die Verhältnisse machen, eben das macht ihre Verliererposition aus.? Berliner Zeitung