Mittelhochdeutsche Versnovellen sind uberwiegend in thematisch und texttypologisch heterogenen Sammelhandschriften uberliefert. Die Untersuchung nimmt ein reprasentatives Korpus dieser Kompilationen in einer Zusammenschau uberlieferungsgeschichtlicher, philologischer und hermeneutischer Fragestellungen in den Blick. An Konrads von Wurzburg Herzmaere als Modellfall einer vergleichenden Text-Kontext-Analyse wird gezeigt, dass die Sammlungsverbunde einen mageblichen Faktor fur die Sinnkonstitution der inkorporierten Versnovellen darstellen, indem sie als Rezeptionskontexte den Einzeltext durch divergente Profile jeweils unterschiedlich semantisieren. Gleichzeitig ist die Sammlung als Produktionsrahmen des einzelnen Textes auch ein zentraler Parameter fur dessen individuelle Formgebung. Zahlreiche sinnstiftende Korrelationen zwischen spezifischen Textvarianten und tradierender Sammlung machen eine intentionale Anpassung an das textuelle Umfeld plausibel, wodurch sich neue Perspektiven auf textkritische Uberlegungen und die Rolle des Schreibers im mittelalterlichen Textmodell ergeben.