Ziel des Buches ist es, die Bedeutung und Verwendung des Begriffs Phthonos (= bosartige Missgunst) in der byzantinischen Literatur zu erhellen und damit dem Verstandnis der byzantinischen Literatur sowie der byzantinischen Kultur allgemein naher zu kommen. Phthonos ist fur die Byzantiner die feindliche Emotion schlechthin, die mit spezifischen Verhaltensformen und Handlungen wie Heuchelei, uble Nachrede und Verleumdung einhergeht. Ein entscheidender Faktor fur die starke Prasenz der Phthonos-Worter und die Vielschichtigkeit des Begriffs ist die metaphysische Dimension des Phthonos. In der byzantinischen Literatur spielen Phthonos als Schicksalsmacht und der Phthonos des Teufels als wiederkehrende Motive eine hervorragende Rolle. Phthonos wird in diesem Buch daher als Leidenschaft und als literarisches Motiv untersucht. Kapitel 1 ist der Begriffsbestimmung und Analyse der byzantinischen Terminologie gewidmet. Theoretische Texte zum Phthonos, deren Grundzuge sich im 4. Jahrhundert herausbildeten, werden in Kapitel 2 behandelt. Die allgemeinen Merkmale der menschlichen Leidenschaft"e; Phthonos werden in Kapitel 3 dargelegt. Auf die Selbstwahrnehmung durch den Missgunstigen folgt die Diskussion, durch welche Handlungsmuster Phthonos von der Umwelt wahrgenommen wird. Phthonos entsteht in erster Linie in hierarchisch strukturierten Gesellschaftsbereichen, wie insbesondere dem Kaiserhof und der Kirche. Als das protoypische Opfer des Phthonos galt der erfolgreiche General, der von Konkurrenten verleumdet wird und dadurch ins Verderben sturzt.Kapitel 4 geht der Frage nach, warum der Missgunstige schlechthin in Byzanz der Teufel ist. Kaum zu scheiden ist der missgunstige Satan von einer ubermenschlichen Macht Phthonos bzw. einem missgunstigen Schicksal, dessen Beziehung zu entsprechenden Anschauungen der nichtchristlichen Antike untersucht wird. Kapitel 5 analysiert die Verwendung des Motivs Phthonos im Text. Alt- und neutestamentliche Erzahlungen fungieren bei der literarischen Behandlung des Phthonos immer wieder als Bezugspunkte. Phthonos wird aufgrund der engen Assoziation des Begriffs mit dem Bosen als Argumentationsinstrument in Texten mit propagandistischem, polemischem oder apologetischem Einschlag verwendet. Usurpationen werden damit gerechtfertigt oder Anklagen die moralische Grundlage entzogen. Anhand einer eingehenden Untersuchung hagiographischer, historiographischer sowie fiktionaler Texte wird die Vielschichtigkeit des Phthonos-Motivs dargelegt und einerseits die verschiedenen Ebenen und Erscheinungsformen voneinander unterschieden, andererseits aber auch das Zusammenwirken und die enge Verflechtung von menschlichem und ubermenschlichem Phthonos sowie vom Phthonos des Teufels und vom Phthonos des Schicksals in den Texten deutlich gemacht. Aus dieser Mehrdimensionalitat bezieht das Motiv seine besondere Dynamik und Attraktivitat, die die dichte Prasenz des Phthonos in den byzantinischen Texten und seine Funktionalitat fur den Aufbau dieser Texte erklaren.