Das 1945 in Nag Hammadi wiederentdeckte koptische Thomasevangelium zählt zu den bedeutendsten und zugleich umstrittensten apokryphen Schriften des frühen Christentums. Lange Zeit wurde es als lose Spruchsammlung verstanden und vorrangig unter form- oder traditionsgeschichtlichen Gesichtspunkten analysiert. Stephanie Janz entwickelt einen neuen Zugang: Sie weist ein Netz wiederkehrender Stichworte, formaler Parallelen und thematischer Bezüge nach und interpretiert die Logien konsequent im Horizont des Gesamtwerks. Am Beispiel des Jüngerschaftskonzepts zeigt sich, dass das Thomasevangelium als eigenständiges theologisches Zeugnis zu lesen ist. Die Autorin stützt sich auf das vollständig erhaltene koptische Manuskript aus Nag Hammadi, das den Text in seiner gesamten Fassung zugänglich macht und so eine kohärente Deutung erlaubt.