Die in diesem Band versammelten Beitrage untersuchen historisch, biographisch und theoretisch, wie fur Sinti und Roma in Deutschland Teilhabe an Bildung moglich war und ist. Teilhabe und Bildung werden dabei als Dimensionen eines Wechselverhaltnis von Subjekt und Gesellschaft begriffen. Die Thematisierung von Bildungsteilhabe wird deshalb nicht nur im Blick auf das institutionalisierte Bildungssystem untersucht, sondern fur die Gesamtheit der historisch gewachsenen Formen und Praxen der Bildungsteilhabe sowie fur die Moglichkeiten ihrer Gestaltung durch die Subjekte. Mit diesem analytischen Zugang kann die Bildungssituation von Sinti und Roma als ein historisch gewachsenes Ausschlussverhaltnis basierend auf tradierten Zuschreibungen entschlusselt werden, argumentativ gestutzt und fortlaufend aktualisiert durch akademisch legitimiertes Wissen. Ausgehend von diesen historischen Wissensbestanden, aber kontinuierlich auch von den Selbstzeugnissen der betroffenen Subjekte aus, wird die dominierende Sichtweise auf die Bildungssituation von Sinti und Roma dekonstruiert und aufgezeigt, wie ihre Bildungsteilhabe durch Kulturalisierung, Ethnisierung und Rassifizierung formiert und kanalisiert wird. Im Ergebnis werden so gesellschaftliche (Unrechts-)Verhaltnisse unsichtbar gemacht und der kritischen Analyse und Veranderung entzogen. Mit dieser Sichtweise entfalten die Analysen ein Bild von Bildungsteilhabe als Praxis struktureller und individueller Benachteiligung, fortdauernder Diskriminierung und wirksamer Barrieren, die gleichzeitig von eminenter Wirksamkeit fur die Welt- und Selbstverhaltnisse der Subjekte sind. Der lebensgeschichtliche Zugang macht deshalb auch die Ambivalenzen von Bildung in ihrer historisch-kulturellen Bedeutung fur die Subjekte greifbar: sie erfahren Bildung als Risikolage und Herausforderung, als Entwicklung von Resilienz und lebensgeschichtliche Chance zugleich.