Tiere spielen eine zentrale Rolle in der Geschichte des Kolonialismus, sowohl in der historischen Aneignung fremder Gebiete, in Methoden kolonialer Erschlieung und Ausbeutung als auch im Export kolonialer 'Guter' in die europaischen Staaten und in der dortigen Darstellung der Kolonialgebiete. Sie tauchen in Reise- und Jagdberichten, Fotografien, Spielfilmen und nicht zuletzt in Zoos auf. Zugleich sind im Zuge des Kolonialismus auch Tiere auf eine vorher nicht gekannte Weise global mobil geworden und in Gegenden gebracht worden oder selbst eingewandert, die ihren ursprunglichen Verbreitungsgebieten fern lagen. Das hat nicht nur zu einer Veranderung der lokalen Fauna gefuhrt, sondern auch zu veranderten sozialen und kulturellen Strukturen in Kolonialgebieten, zu veranderten Mensch-Tier-Verhaltnissen. Dieser Tierstudien -Band versammelt mit Kaninchen, Giraffen, Stra enhunden, Papageien, Walen, Jaguaren, Bisons, Schlangen, Pferden, Tigern und fantastischen Mischwesen eine vielgestaltige Kartografie tierlicher Prasenz im Kontext kolonialer, neokolonialer und dekolonialer Machtverhaltnisse. Die Beitrage zeigen Tiere als Jagdtrophaen, modische Luxusartikel, Rohstoffe, Archiv- und Wissensobjekte sowie Projektionsflachen, aber auch als widerstandige Akteur*innen, die koloniale Ordnungen irritieren und durchkreuzen. Die Texte fragen, wie Tiere in kolonialen Kontexten genutzt, verschleppt, klassifiziert und ausgebeutet wurden und wie diese Logiken bis heute fortwirken. Zugleich untersuchen sie Spannungen dekolonialer Praxis: zwischen Fursorge und Gewalt, zwischen indigenem Wissen und seiner Aneignung. So entsteht ein facettenreiches Panorama, das Tiere nicht nur als Opfer, sondern als zentrale Figuren (de-)kolonialer Geschichte sichtbar macht, und es werden insbesondere durch die kunstlerischen Positionen neue Perspektiven auf ein mehr-als-menschliches Zusammenleben eroffnet. Mit Beitragen von Nils Berliner / Sophie-Madlin Langner, Mona Marie Eilers, Kai Horsthemke, Helene Hundt, Dina Kagan, Susanne Karr, Anu Pande, Martin Pesch und Dafni Tokas. Mit kunstlerischen Positionen von Denilson Baniwa, Juliana Huxtable und Adrian Stimson.