Ein frommer Laie uberreicht seinem Prediger in der Wiener Stephanskirche ein merkwurdiges Buchlein aus sechs bunten, schriftlosen Tuchblattern. Davon hort der Rottweiler Stadtschreiber Jos von Pfullendorf ( um 1433) und sendet ein Exemplar an seine Tochter Beatrix, Augustinerchorfrau in Inzigkofen. So die Rahmenhandlung des unvollendeten Dialogtraktats Das Buch mit den farbigen Tuchblattern der Beatrix von Inzigkofen, der in einer einzigen Handschrift als Autograph des Verfassers vorliegt. Die Kommunikationssituation mit ihrer konkreten Anbindung an die au erliterarische Lebenswelt ist ebenso einzigartig wie der intellektuelle Anspruch des Werks. Wie man das Tuchblatterbuch ohne Schrift dennoch "e;lesen"e; kann und was die einzelnen Farben bedeuten, erklart der Vater seiner Tochter, indem er sie entlang der sechs Farben uber christliche Dogmatik belehrt und dabei theologische Autoritaten akribisch genau zitiert. So gelingt es, das subversive Motiv des Buchs ohne Schrift uber einen schriftlich aufgezeichneten Dialog wieder in die gelehrte Schriftkultur zu integrieren. Die Autoren erschlie en den bisher unveroffentlichten Text durch eine Edition und Untersuchungen seiner literatur-, quellen- und motivgeschichtlichen Kontexte.