Christian Sieg weist die sozialethische Relevanz der Scham fur die literarische Kultur der Aufklarung nach und pladiert fur eine kulturtheoretische Neubewertung dieser peinigenden Emotion: Als moralische Emotion gehort Scham zum Projekt der Aufklarung selbst. Die Aufklarung will die Disposition zur Scham schutzen, furchtet jedoch das episodische Schamempfinden, weil es individuelle Selbstbestimmung gefahrdet. Die Schamvermeidung fungiert daher als sozialethischer Imperativ, dessen kulturelle Produktivitat sich in der Literatur des 18. Jahrhunderts zeigt. Die Studie widmet sich der Kritik der Scham in den Diskursen uber Satire und uber Selbstbeobachtung. Verfolgt wird, wie das traditionelle Verstandnis der Satire als Schamstrafe einem humoristischen Welt- und Selbstverhaltnis weicht und die Semantik der Freundschaft die Entwicklung therapeutischer Interaktion pragt. Im Mittelpunkt stehen dabei die sozialethischen Schreibprogramme von Christoph Martin Wieland und Karl Philipp Moritz.