Welche Eigenschaften sind es, die aus einem Menschen einen Heiligen machen? Auergewohnliche Begabungen, ein tugendhafter Lebenswandel oder die Macht, Wunder zu wirken? In den spatantiken Martyrerpassionen und mittelalterlichen Heiligenleben wurde diese Frage zwar unzahlige Male beantwortet, doch haufig nicht endgultig. Immer wieder wurden diese Texte literarisch berarbeitet, um sie so dem Geschmack und den Bedurfnissen einer neuen Zeit anzupassen. Auch Hildebert von Lavardin, Baudri von Bourgueil und Marbod von Rennes, deren Nachruhm mehr auf ihren an antiken Modellen orientierten Dichtungen als auf den oft vernachlassigten hagiographischen Werken beruht, wurden mehrfach mit der Uberarbeitung alter Heiligenbiographien beauftragt. Sie nutzten diese Gelegenheiten, um den alten Vorlagen zunachst stilistisch zu neuem Glanz zu verhelfen. Doch daruber hinaus mussten sie eine zeitgemae Antwort auf die Frage finden, was das christliche Heiligkeitsideal im Zeitalter der Gregorianischen Reform ausmacht.