An der Braut Christi zeigt sich die christliche Revolution: die Umwalzung der herrschenden, gewalttatigen Geschlechter-, Klassen- und Rassenverhaltnisse. Wie an keiner anderen Figur lasst sich an ihr die Liebes- und Erkenntnislehre des Christentums illustrieren. Die Brandmarkung der durch sie symbolisierten Lebensform als pervers und hysterisch war Ziel aller Reformatoren von Luther bis Zola. Doch ist die Liebe in der Moderne ohne die Braut Christi nicht zu denken. Als Figur unendlichen Begehrens zeitigt die sponsa eine mystische Liebessprache, eine Brautmystik, die sich uber das Mittelalter bis zu Baudelaire und Proust fortschreibt. Die sponsa ist als genuin textuelles Phanomen lesbar, an dem sich Exegese und das Verhaltnis von Buchstablichkeit und Allegorese neu verhandeln lassen. Das Lektureschicksal der sponsa Christi ist unter den theoretischen Voraussetzungen der neueren Geschichtsforschung zu einem bedeutenden Paradigma geworden. An diesem lassen sich die komplexen Verflechtungen von religions-, kunst- und literaturwissenschaftlichen Aspekten der konfliktbeladenen Auspragung von Geschlechterdifferenz neu abschatzen und -lesen.