Mit dem Begriff der zweiten Natur ist der Gedanke einer Naturlichkeit angesprochen, die Menschen in einer einheitlichen, belebten Natur verortet und sie zugleich grundsatzlich von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Die bis auf Aristoteles zuruckgehende Tradition dieses Gedankens hat in den vergangenen zwanzig Jahren, angeregt durch Diskussionen uber den objektiven Status von Sittlichkeit und Moral und ihr Verhaltnis zur menschlichen Lebensweise, eine Renaissance erlebt. Unterdessen wird die Figur der zweiten Natur in ganz unterschiedlichen philosophischen Richtungen kontrovers diskutiert: Fuhrt die Rede von der menschlichen Natur nicht in den uberwunden geglaubten Essenzialismus zuruck? Konnen vernachlassigte Fragen der normativen Ethik wie die nach der Rolle von Bildungs- und Sozialisationsprozessen mit Verweis auf die zweite Natur besser gestellt, oder nur umformuliert werden? Bietet das Konzept der zweiten Natur eine Alternative zu anderen Grundbegriffen der praktischen Philosophie bzw. einer Praxisphilosophie im weitesten Sinne: Praxis, Geschichte, Leben oder Kultur, die allesamt antreten, um uberkommene Dualismen zu uberwinden?